Das Ehepaar war älter, verwittert und sah so aus, als würde es das Land bereits seit Jahrzehnten bearbeiten, Gemüse anbauen und ein paar Tiere auf dem Weideland grasen lassen. Die beiden trugen simple Kleidungsstücke und als sie Genevieve begutachteten, wandelte sich ihr Ausdruck von Misstrauen in Mitgefühl.
„Oh, sieh sie dir an, Thom“, sagte die Frau. „Die Arme muss halberfroren sein.“
„Jawohl, das sehe ich, Anne“, antwortete der Mann. Er streckte eine Hand nach Genevieve aus. „Komm mit, Mädchen, wir bringen dich besser nach drinnen.“
Er führte sie in ein Bauernhaus mit niedriger Decke, in dessen Ecke ein großer Kessel mit Eintopf vor sich hin köchelte. Der Mann führte Genevieve zu einem Sitzmöbel vor dem Feuer und sie klappte darauf zusammen, bis sie tief darin versunken war. Der Komfort ließ sie noch mehr spüren, wie müde sie tatsächlich war.
„Bleib sitzen und erhole dich ein wenig“, sagte die Frau.
„Hier“, sagte der Mann. „Sie kommt mir bekannt vor, nicht wahr, Anne?“
„Ich bin ein Niemand“, erwiderte Genevieve schnell. Im Dorf hatte man sie schon alleine deshalb gehasst, dass sie Altfors Ehefrau war, obwohl sie keinen Einfluss darauf hatte, was der Sohn des Herzogs tat.
„Nein, ich erkenne dich“, sagte Anne. „Du bist Genevieve, das Mädchen, das der Sohn des Herzogs mitgenommen hat.“
„Ich—“
„Du musst dich nicht verstecken“, sagte Thom. „Wir verurteilen niemanden dafür, gestohlen worden zu sein. Wir haben in unserem Leben schon viele Mädchen gesehen, die von den Adeligen mitgenommen wurden.“
„Du bist hier sicher“, sagte Anne und legte ihr eine Hand auf die Schulter.
Genevieve wusste gar nicht, wie sie sich für diese Worte bedanken konnte. Als ihr der Bauer einen Teller mit Eintopf überreichte, aß sie ihn mit großem Hunger und spürte erst jetzt, wie ausgezehrt sie war. Sie deckten sie zu und Genevieve war sofort eingeschlafen, tief in einer traumlosen Dunkelheit, die sie sich bitterlich erhofft hatte.
Als sie erwachte, floss das Tageslicht bereits durch die Fenster des Bauernhauses und Genevieve erahnte, dass es bald Mittag sein würde. Anne war hier, doch ihr Ehemann schien verschwunden.
„Ah, du bist wach“, sagte sie. „Es gibt Brot und Käse, und ein kleines Bier, falls du es möchtest.“
Genevieve ging zum Küchentisch und füllte ihren hungrigen Bauch.
„Es tut mir leid“, sagte sie.
„Was tut dir leid?“, fragte Anne.
„Dafür, dass ich einfach so aufgetaucht bin“, antwortete Genevieve. „Und einfach in euer Haus gekommen bin. Wenn mich jemand hier findet, seid ihr wahrscheinlich auch in Gefahr. Und… für alles, was passiert ist, während Altfor an der Macht war.“
„Du musst dich dafür nicht entschuldigen“, beharrte Anne. „Denkst du, ich weiß nicht, wie es abläuft, wenn der Adel die Mädchen entführt? Denkst du, dass ich immer schon alt war?“
„Du…“, begann Genevieve.
Anne nickte. „Unter dem ehemaligen König liefen die Dinge besser, aber sie waren alles andere als perfekt. Es gab immer schon die Adeligen, die sich einfach nahmen, was sie wollten. Das soll einen Keil zwischen sie und ihn getrieben haben, soviel ich weiß.“
„Das tut mir leid“, sagte Genevieve, als ihr klar wurde, was die alte Frau damit sagen wollte.
„Hör auf damit“, antwortete Anne. „Es gibt nichts, für das du dich entschuldigen musst. Ich will nur, dass du weißt, dass du hier in Sicherheit bist.“
„Dankeschön“, sagte Genevieve, denn Sicherheit schien gerade so rar zu sein, dass sie ihr kaum jemand anbieten konnte. Sie sah sich um. „Wo ist dein Ehemann?“
„Oh, Thom kümmert sich um die Schafe. Nicht, dass sie viel Pflege bedürfen. Man gibt ihnen einen Platz zum Grasen und Schlafen und schon sind sie zufrieden. Menschen sind komplizierter, sie wollen immer mehr.“
Genevieve fiel es leicht, das zu glauben. Es gab immer Menschen, die glaubten, sie hätten ein Recht auf alles und wollten dann immer noch mehr. Wie viel Chaos hatten diese Menschen bereits verursacht?
„Hast du dir überlegt, wo du als Nächstes hinmöchtest?“, fragte Anne.
„Ich dachte… meine Schwester ist in Fallsport in Sicherheit“, sagte Genevieve. „Ich dachte, ich würde vielleicht zu ihr gehen.“
„Das ist eine weite Reise“, erwiderte Anne. „Es liegt über dem Ozean. Und ich schätze, dass du wahrscheinlich nicht gerade das nötige Kleingeld für eine Überfahrt per Schiff hast.“
Genevieve schüttelte den Kopf. Je mehr sie begann, über die Idee nachzudenken, desto unwahrscheinlicher erschien sie ihr. Sheila aufzusuchen, war eine offensichtliche Reaktion, aber auch töricht. Es würde bedeuten, dass beide ihr Leben lang auf der Flucht sein müssten, immer darauf wartend, dass in der Dunkelheit ein Messer auf sie lauerte.
„Nun, wir haben auch kein Geld, mit dem wir helfen können“, sagte Anne. „Aber du kannst eine Weile hierbleiben, wenn du möchtest. Wir können die zusätzliche Hilfe am Hof gebrauchen und hier wird dich niemand finden.“
Die Großzügigkeit war mehr, als Genevieve ertragen konnte. Sie spürte sogar, wie sich ihre Augen bei dem Gedanken mit Tränen füllten. Was würde wohl passieren, wenn sie einfach hierbleiben und ihrer Flucht ein Ende setzen würde?
Nun erfüllte das Bild von Olivias Ring ihre Gedanken. Sie dachte, dass sie mit Royce glücklich werden würde, und schließlich war das auch nicht besonders gut ausgegangen. Eine friedliche Lösung war nicht für sie bestimmt.
Außerdem hatte sie bereits einen Plan geschmiedet. Sie hatte ihn gemeinsam mit Sheila gemacht, doch überwältigt von ihren Emotionen während der Flucht, hatte sie alles komplett vergessen. Nun hatte sie die Chance gehabt, sich zu erholen, zu schlafen und sogar wieder zu denken. Nun kam der gesamte Plan wieder zurück. Es war schon damals die beste Idee gewesen und war auch jetzt noch die beste.
„Ich kann nicht bleiben“, sagte Genevieve.
„Wo willst du hin?“, fragte Anne. „Was wirst du tun? Bist du dir sicher, dass du nach deiner Schwester suchen möchtest?“
Genevieve schüttelte ihren Kopf, denn sie wusste selbst, dass darin keine Hoffnung bestand. Nein, sie konnte nicht zu ihrer Schwester. Sie musste nach ihrem Ehemann suchen. Sie musste ihn finden und, wenn sie es verkraften konnte, versuchen sich ihrem Schicksal zu fügen und seine Frau zu sein. Würde sie es aushalten, bis das Kind geboren und anerkannt war, so könnte sie sich Altfors entledigen und als die Mutter seines Nachkommens regieren. Damit wäre allen ein Gefallen getan.
Es war ein verzweifelter Plan, doch es war der einzige, den sie hatte. Ihn umzusetzen, war der schwierige Teil. Sie wusste nicht, wo Altfor war. Sie wusste jedoch, wohin er gehen würde: Er hatte verloren und musste sich deshalb Unterstützung suchen. Er war auf dem Weg zum König. Genevieve wusste also, wohin sie gehen musste.
„Ich muss an den königlichen Hof“, sagte sie.
Kapitel drei
Royce klammerte sich an die Reling des Schiffs und wünschte, sie würden schneller vorankommen. Seine Aufmerksamkeit lag auf den Wellen in der Ferne, die er durch Embers Augen sehen konnte. Über ihm kreiste der Falke, seine grellen Rufe über den Wellen hallend, und stürzte immer wieder auf das Wasser hinab, wenn er einen kleinen Meeresvogel entdeckte, der einfach zu verlockend war.
Doch Royces Fokus lag auf etwas anderem. Er tauchte so tief er konnte in Embers Unterbewusstsein ein, auf der Suche nach irgendeinem Zeichen von Lori, irgendeiner Chance, mit der Hexe zu sprechen, die ihn auf die Reise zu seinem Vater geschickt hatte. Doch er fand nichts außer dem bewegten Meer und dem Leuchten der Sonne.
„Du stehst hier schon seit Stunden“, sagte Mark und gesellte sich zu ihm.
„Stunden bestimmt nicht“, protestierte Royce.
„Seit Sonnenaufgang“, erwiderte Mark mit sorgenvoller Miene. „Du und der Wolf.“