Цвейг Стефан - Die hochzeit von Lyon. Novellen / Свадьба в Лионе. Новеллы. Книга для чтения на немецком языке стр 11.

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„Das ist unmöglich“, entschied sie, „für heute haben wir ihnen die Ausfahrt zugesagt… und morgen abreisen, wo wir für drei Wochen gemietet haben… man machte sich ja lächerlich… ich sehe nicht den mindesten Anlass für eine Abreise… ich bleibe da und Erna auch…“

„Und ich kann gehen, nicht wahr?… ich störe ja hier nur… störe nur euer… Vergnügen.“

Mit diesem dumpfen Aufschrei zerhieb er ihr den Satz mitten im Wort. Sein geduckter, massiger Leib hatte sich aufgebäumt, Hände waren Fäuste geworden, auf der Stirn zitterte gefährlich die Ader des Zornes. Noch wollte etwas heraus aus ihm, Wort oder Schlag. Aber plötzlich wandte er sich mit einem Ruck, stolperte rasch und immer rascher mit seinen schwerfälligen Beinen zur Treppe und hastig wie ein Verfolgter die Stufen hinauf.

Der alte Mann keuchte hastig die Stufen hinauf: nur in das Zimmer jetzt, allein sein, sich bändigen, die Nerven niederpressen, nichts Unsinniges tun! Schon hatte er das obere Stockwerk erreicht, da – es war, als risse ihm von innen her eine glühende Kralle die Eingeweide auf – da taumelte er plötzlich kalkweiß an die Wand. Oh, dieser rasende, brennendknetende Schmerz; er musste die Zähne zusammenpressen, um nicht laut herauszuschreiben. Stöhnend krümmte sich der überfallene Leib.

Sofort wusste er, was ihn betroffen: ein Gallenkrampf, einer dieser furchtbaren Anfälle, wie sie in letzter Zeit ihn oft gequält, nie aber noch mit einer so teuflischen Marter wie diesmal. „Keine Aufregungen“, hatte der Arzt gesagt – im gleichen Augenblick fiel es ihm ein, mitten im Schmerz. Und mitten im Schmerz höhnte er sich ingrimmig noch selbst. „Leicht gesagt, keine Aufregungen… soll’s mir einmal vormachen, der Herr Professor, wie man sich nicht aufregt, wenn man… oh… oh…“

Der alte Mann wimmerte, so glühend wühlte die unsichtbare Kralle im gefolterten Leib. Mit Mühe schleppte er sich bis zur Tür seines Salons, stieß sie auf und fiel hin auf die Ottomane, die Zähne in die Kissen verbeißend. Im Liegen ließ der Schmerz sofort ein wenig nach, die heißen Nägel griffen nicht mehr so teuflisch tief in die grausam wunden Eingeweide. „Einen Umschlag sollte ich mir machen“, erinnerte er sich, „die Tropfen nehmen, dann wird es gleich besser.“

Aber niemand war da, ihm aufzuhelfen, niemand.

Und er selbst hatte keine Kraft, sich in das andere Zimmer zu schleppen oder auch nur bis zur Klingel hin.

„Niemand ist da“, dachte er erbittert, „wie ein Hund werde ich einmal krepieren… denn ich weiß ja, was da weh tut, das ist nicht die Galle… das ist der Tod, der in mir wächst… ich weiß, ich bin ein geschlagener Mann, und keine Professoren, keine Kuren können mir helfen … mit funfundsechzig Jahren wird man nicht mehr gesund… ich weiß, was da bohrt und wühlt in mir, das ist der Tod, und die paar Jahre, die mir noch bleiben, das wird nicht mehr Leben sein, nur Sterben, nur Sterben… Aber wann, wann habe ich denn gelebt?… gelebt für mich, für mich selbst?… Was war das für ein Leben: immer nur Geld gescharrt, Geld, Geld, immer nur für andere, und jetzt, was hilft es mir jetzt?… Eine Frau habe ich gehabt, als Mädchen habe ich sie genommen, ihren Leib hab ich aufgetan, und ein Kind hat sie mir geboren; Jahr für Jahr hat man gleichen Atem getan im gleichen Bett… und jetzt, wo ist sie jetzt… ich erkenne ihr Gesicht nicht mehr… ganz fremd redet sie zu mir und denkt nie an mein Leben, an all das, was ich fühle und leide und denke… ganz fremd ist sie mir seit Jahr und Jahr… Wo ist das hingegangen, wo ist das hin… und ein Kind hat man gehabt… aus den Händen ist sie einem gewachsen, ich hab geglaubt, hier fängt man noch einmal an zu leben, heller, glücklicher, als es einem selber vergönnt war, hier stirbt man nicht ganz… und da geht sie nachts von einem weg und wirft sich Männern hin… Nur mir allein werd’ ich sterben, nur mir allein… denn für die ändern bin ich schon gestorben… Mein Gott, mein Gott, nie war ich so allein…“

Die Kralle griff manchmal grimmig zu und ließ dann wieder nach. Aber der andere Schmerz hämmerte immer tiefer in die Schläfen hinein; die Gedanken, diese harten, diese spitzen, unbarmherzig heißen Kieselstücke stachen in die Stirn: nur nicht denken jetzt, nur nicht denken! Der alte Mann hatte Rock und Weste aufgerissen – plump und unförmig zitterte der geblähte Leib unter dem gebauchten Hemd. Vorsichtig presste er die Hand auf die schmerzende Stelle. „Nur was da weh tut, bin ich“, fühlte er, „nur das bin ich, einzig nur dieses Stück heißer Haut… und einzig, was da innen umwühlt, nur das gehört noch mir, das ist meine Krankheit, mein Tod… nur das bin ich … das heißt nicht Kommissionsrat mehr und hat nicht Frau und Kind und Geld und Haus und ein Geschäft… und nur das allein da ist wirklich, was ich mit den Fingern fühle, mein Leib und das Heiße in ihm innen, das weh tut… Alles andere ist Narrheit, hat keinen Sinn mehr… denn was da weh tut, tut nur mir allein weh… was mich sorgt, sorgt nur mich allein… sie verstehen mich nicht mehr und ich nicht mehr sie… ganz allein ist man mit sich selbst, nie hab ich’s so gespürt. Jetzt aber weiß ich’s, wo ich daliege und den Tod wachsen fühle unter der Haut, jetzt zu spät, im fünfundsechzigsten Jahr, knapp vor dem Verrecken, jetzt, indes sie tanzen und Spazierengehen oder sich umhertreiben, diese ehrlosen Weiber… jetzt weiß ich’s, dass ich nur ihnen gelebt, die mir’s nicht danken, und nie, nicht eine Stunde, mir selber … Aber was gehen sie mich noch an… was gehen sie mich noch an… wozu an sie denken, die nie an mich denken?… Lieber krepieren, als von ihnen Mitleid nehmen… was gehen sie mich noch an…“

Nach und nach, schrittweise zurückweichend, ließ ihn der Schmerz: nicht mehr so krallig, nicht mehr so glühend griff diese grimmige Hand in den Leidenden hinein. Aber irgendein Dumpfes blieb, kaum als Schmerz mehr fühlbar, etwas Fremdes drückte und drängte, das nach innen seinen Stollen grub. Der alte Mann lag mit geschlossenen Augen und lauschte angespannt auf dies leise Zerren und Zehren: ihm war, als höhlte diese fremde, unbekannte Macht erst mit spitzem, jetzt mit stumpferem Werkzeug etwas in ihm aus, als lockerte und löste sich, Faser um Faser, etwas in seinem verschlossenen Leib. Es riss nicht mehr so wild. Es tat nicht mehr weh. Aber doch, etwas schwelte und faulte da leise innen, etwas fing an abzusterben. Alles, was er gelebt, alles, was er geliebt, verging in dieser langsam zehrenden Flamme, brannte schwarz und schwelend, ehe es mürb und verkohlt niederfiel in einen lauen Schlamm von Gleichgültigkeit. Etwas geschah, er spürte es dumpf, etwas geschah, indes er so lag und leidenschaftlich sein Leben überdachte. Etwas ging zu Ende. Was war es? Er lauschte und lauschte in sich hinein.

Und allmählich begann der Untergang seines Herzens.

Er lag, geschlossenen Auges, der alte Mann, in dem dämmernden Zimmer. Halb wachte er noch, halb träumte er schon. Und da, zwischen Schlummer und Wachen, schien es dem wirr Fühlenden so: ihm war, als sickerte von irgendwo (von einer Wunde, die nicht schmerzte und die er nicht wusste) ein Feuchtes, ein Heißes leise nach innen, als blute er sich aus in sein eigenes Blut. Es tat nicht weh, dies unsichtbare Fließen, es strömte nicht stark. Nur ganz langsam wie Tränen rinnen, rieselnd und lau, so fielen die Tropfen herab, und jeder von ihnen schlug mitten ins Herz. Aber das Herz, das dunkle, gab keinen Ton, still sog es dies fremde Geström in sich ein. Wie ein Schwamm sog sich’s an, wurde schwerer und schwerer davon, schon schwoll es an, schon quoll es auf in dem engen Gefüge der Brust. Allmählich voll und übervoll vom eigenen erfüllten Gewicht begann es leise nach abwärts zu ziehen, die Bänder zu dehnen, an den Muskeln, an den straffen, zu zerren, immer lastender drückte und drängte das schmerzhafte Herz, riesenhaft groß schon, hinab, der eigenen Schwere nach. Und jetzt (wie weh das tat!), jetzt löste das Schwere sich los aus den Fasern des Fleisches – ganz langsam, nicht wie ein Stein, nicht wie fallende Frucht; nein, wie ein Schwamm, vollgesogen von Feuchtem, sank es tiefer, immer tiefer hinab in ein Laues, ein Leeres, irgendwo hinab in ein Wesenloses, das außer ihm selber war, eine weite, unendliche Nacht. Und mit einem Male wurde es grauenhaft still an der Stelle, wo eben noch dies warme, quellende Herz gewesen: etwas gähnte dort leer, unheimlich und kalt. Es klopfte nicht mehr, es tropfte nicht mehr: ganz still war es innen geworden, ganz tot. Und hohl und schwarz wie ein Sarg wölbte sich die schauernde Brust um dies stummunbegreifliche Nichts.

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