Das Fräulein hielt das Schnupftuch vor die Augen und weinte und schluchzte heftig, so daß die Martiniere und Baptiste, ganz verwirrt und beklommen, nicht wußten, wie ihrer guten Herrschaft beistehen in ihrem großen Schmerz.
Die Martiniere hatte den verhängnisvollen Zettel von der Erde aufgehoben. Auf demselben stand:
Euer scharfsinniger Geist, hochgeehrte Dame, hat uns, die wir an der Schwäche und Feigheit das Recht des Stärkern üben und uns Schätze zueignen, die auf unwürdige Weise vergeudet werden sollten, von großer Verfolgung errettet. Als einen Beweis unserer Dankbarkeit nehmet gütig diesen Schmuck an. Es ist das Kostbarste, was wir seit langer Zeit haben auftreiben können, wiewohl Euch, würdige Dame, viel schöneres Geschmeide zieren sollte, als dieses nun eben ist. Wir bitten, daß Ihr uns Eure Freundschaft und Euer huldvolles Andenken nicht entziehen möget.
Die Unsichtbaren.”
„Ist es möglich”, rief die Scuderi, als sie sich einigermaßen erholt hatte, „ist es möglich, daß man die schamlose Frechheit, den verruchten Hohn so weit treiben kann?” – Die Sonne schien hell durch die Fenstergardinen von hochroter Seide, und so kam es, daß die Brillanten, welche auf dem Tische neben dem offenen Kästchen lagen, in rötlichem Schimmer aufblitzten. Hinblickend, verhüllte die Scuderi voll Entsetzen das Gesicht und befahl der Martiniere, das fürchterliche Geschmeide, an dem das Blut der Ermordeten klebe, augenblicklich fortzuschaffen. Die Martiniere, nachdem sie Halsschmuck und Armbänder sogleich in das Kästchen verschlossen, meinte, daß es wohl am geratensten sein würde, die Juwelen dem Polizeiminister zu übergeben und ihm zu vertrauen, wie sich alles mit der beängstigenden Erscheinung des jungen Menschen und der Einhändigung des Kästchens zugetragen.
Die Scuderi stand auf und schritt schweigend langsam im Zimmer auf und nieder, als sinne sie erst nach, was nun zu tun sei. Dann befahl sie dem Baptiste, einen Tragsessel zu holen, der Martiniere aber, sie anzukleiden, weil sie auf der Stelle hin wolle zur Marquise de Maintenon.
Sie ließ sich hintragen zur Marquise gerade zu der Stunde, wenn diese, wie die Scuderi wußte, sich allein in ihren Gemächern befand. Das Kästchen mit den Juwelen nahm sie mit sich.
Wohl mußte die Marquise sich hoch verwundern, als sie das Fräulein, sonst die Würde, ja trotz ihrer hohen Jahre die Liebenswürdigkeit, die Anmut selbst, eintreten sah, blaß, entstellt, mit wankenden Schritten. „Was um aller Heiligen willen ist Euch widerfahren?”, rief sie der armen, beängsteten Dame entgegen, die, ganz außer sich selbst, kaum imstande, sich aufrecht zu erhalten, nur schnell den Lehnsessel zu erreichen suchte, den ihr die Marquise hinschob. Endlich des Wortes wieder mächtig, erzählte das Fräulein, welche tiefe, nicht zu verschmerzende Kränkung ihr jener unbedachtsame Scherz, mit dem sie die Supplik der gefährdeten Liebhaber beantwortet, zugezogen habe. Die Marquise, nachdem sie alles von Moment zu Moment erfahren, urteilte, daß die Scuderi sich das sonderbare Ereignis viel zu sehr zu Herzen nehme, daß der Hohn verruchten Gesindels nie ein frommes, edles Gemüt treffen könne, und verlangte zuletzt den Schmuck zu sehen.
1
Honoré – eine der ältesten Straßen in Paris, führt nördlich der Seine am Louvre vorbei. [przypis edytorski]
2
Magdaleine von Scuderi – Madeleine de Scudéry (1607–1701): französische Schriftstellerin des Barock. [przypis edytorski]
3
Maintenon – Françoise d’Aubigné, marquise de Maintenon (1635–1719), letzte Mätresse und zweite Gemahlin von Ludwig XIV. [przypis edytorski]
4
Türsteher – Portier. [przypis edytorski]
5
,Clelia' – Der Roman „Clélie. Histoire romaine” erschien 1654-1660 in zehn Bänden. [przypis edytorski]
6
Brustlatz – Kleidereinsatz, mit Bändern festgehalten. [przypis edytorski]
7
Greveplatz – Place de Gréve, heute Place de l'Hôtel de Ville; früher Ort öffentlicher Hinrichtungen. [przypis edytorski]
8
Marechaussee – Maréchaussée: berittene Polizeitruppe. [przypis edytorski]
9
Desgrais – erwähnt in den „Causes célèbres et intéressantes” („Berühmte und interessante Rechtsfälle”) von François Gayot de Pitaval (1673–1743), eine von Hoffmanns wichtigsten Quellen. [przypis edytorski]
10
Marquis von Tournay – keine historisch belegte Person. [przypis edytorski]
11
zu der Zeit – Hoffmann bezieht sich auf die sog. Giftaffäre, die den französischen Hof und Paris in den Jahren 1670-1680 erschütterte. [przypis edytorski]
12
Glaser – Christoph Glaser, aus Basel stammend, lebte in Paris, war in die Giftaffäre verwickelt. [przypis edytorski]
13
Exili – Alchimist, aus Italien stammend, lebte in Paris und war in die Giftaffäre verwickelt. [przypis edytorski]
14
Sublimieren – veredeln. [przypis edytorski]
15
Godin de Sainte Croix – französischer Offizier, Geliebter der Brinvilliers, wurde als ihr Komplize verhaftet. [przypis edytorski]
16
Marquise de Brinvillier. – Marquise de Brinvilliers (1630-1676), eine der bekanntesten Giftmörderinnen der Kriminalgeschichte. [przypis edytorski]
17
Hotel Dieu – Hôtel Dieu, Armen- und Obdachlosenasyl neben Notre Dame. [przypis edytorski]
18
poudre de succession – wörtlich: Erbschaftspulver; durch Gift an eine Erbschaft gelangen. [przypis edytorski]
19
Chambre ardente – (franz. glühende Kammer); Sondergerichtshof, der von Ludwig XIV. 1680 eingerichtet wurde zur Aufklärung der Giftmorde; benannt nach der Fackelbeleuchtung. [przypis edytorski]
20
la Regnie – Nicolas Gabriel de la Reynie (1625–1709), zwischen 1667 und 1697 Polizeichef von Paris, ab 1680 Präsident der Chambre ardente. [przypis edytorski]
21
la Voisin – Cathérine Deshayes, verwitwete Monvoisin, genannt la Voisin, lebte 1640–1680, als Gifmischerin öffentlich verbrannt. [przypis edytorski]
22
le Sage – ein Priester, Komplize der Voisin. [przypis edytorski]
23
le Vigoureux – Frau des Damenschneiders Mathurin Vigoureux, Komplize der Voisin. [przypis edytorski]
24
Kardinal Bonzy – Pierre Bonzi (1631–1703), u.a. Erzbischof von Narbonne, dann Kardinal, dann als Botschafter Ludwigs XIV. in Venedig, Polen, Spanien. [przypis edytorski]
25
Gräfin von Soissons – Marie Anne Mancini, Herzogin von Bouillon (1664–1714), und ihre Schwester Olympia Mancini, Grafin von Soissons (1639–1708), wurden vor die Chambre ardente zitiert [przypis edytorski]
26
François Henri de Montmorenci, Boudebelle, Herzog von Luxemburg, Pair und Marschall des Reichs – François Henri de Montmorency-Bouteville; 1638-95 Herzog von Luxemburg; Pair: höchster Rang innerhalb des französischen Hochadels; Marschall: höchster Rang in der franz. Armee. [przypis edytorski]
27
Louvois' – François Michel le Tellier, Marquis de Louvois (1641–91); Kriegsminister Ludwigs XIV., hatte bedeutenden Einfluss auf den König. [przypis edytorski]
28
Wetterstrahl – Blitz. [przypis edytorski]
29
Argenson – Marc-René de Voyer d'Argenson (1652–1721), Polizeipräsident von Paris. [przypis edytorski]
30
Panegyrikus – Preis- oder Festgedicht, schmeichlerisches Lob. [przypis edytorski]
31
Supplik – Bittschrift. [przypis edytorski]
32
«Un amant, qui craint les voleurs, n'est point digne d'amour.» – franz.: Ein Liebhaber, der Diebe fürchtet, ist der Liebe nicht würdig. [przypis edytorski]
33
Montespan – Françoise Athénais, Marquise von Montespan (1641–1707); Hofdame der französischen Königin; 1668-76 Mätresse Ludwigs XIV, dem sie acht Kinder gebar; war 1680 im Giftmischerprozess der Voision mitbelastet und musste 1691 Versilles verlassen, zog sich in ein Kloster zurück. [przypis edytorski]